Die richtige Reise in Marokko - Teil II: Aus Fez vertrieben und in Marrakesh willkommen geheissen
Von Chefchaouen wegzkommen verlangt ein wenig Geschick. Zwar fahren Busse in alle Himmelsrichtungen, doch kommen sie meist aus den grösseren Städten Tanger oder Tetouane und sind voll, wenn sie in Chaouen ankommen. Der Reiseführer empfiehlt, mit einem Grand Taxi in den nächst grösseren Ort, Ouezzane, zu fahren, wo die Busverbindungen bessersind, was ich auch tat.
Der Begrif Grand Taxi bedeutet hier allerdings nicht, dass es sich um ein besonders grosses oder sogar komfortables Auto handeln würde, sondern, dass man in eine alte Mercedes-Linousine so viel Leute wie in einen Kleintransporter stopft: Neben dem Chauffeur werden zwei Personen auf den Beifahrersitz geklemmt, während auf dem Rücksitz vier Personen so reissverschlussartig versetzt sitzen, dass die Türen grad noch zu gehen.
Der Weg nach Ouezzane ist landschaftlich äusserst reizvoll, die Ausläufer des Rif werden von grünen Tälchen unterbrochen und gehen schliesslich in eine von farbigen Feldern überzogene Hügellandschaft über. Unterwegs wurden wir mehrmals von Polizei- und Militärkontrollen angehalten und die einheimischen Mitfahrer hatten ihre Ausweise vorzuweisen. Meine bleiche Haut war den Offiziellen wohl Beweis genug war, dass ich nicht in etwelche separatistischen Bewegungen involviert bin.
In Ouezzane erkundigte ich mich nach dem nächsten Bus und eine Busbahnhofsgestalt erklärte mir mit leuchtenden Augen und auf dem letzten Zahn lächelnd, dass in einer halben Stunde ein Bus direct nach Fez fahren würde. Die Gestalt begleitete mich auf die Terrasse des Bushofrestaurants, besorgte mir ein Ticket, brachte höflich das Wechslegeld; full service. Bei einem Minzentee wartete ich geduldig bis der Bus relativ pünktlich ankam. Als es ans Aufbrechen ging, kam ein selbsternannter Gepäckträger und nahm meinen Rucksack an sich um ihn zum Bus tragen - da rennt die einzahnige Gestalt wutentbrannt, daher, hält dem Träger eine Standpauke, entreisst ihm meinen Rucksack und verscheucht ihn mit Schimpf und Schande. Das Schauspiel (und natürlich der ganze Service) waren mir wohl einige Dirham wert.
Auf der Weiterfahrt wurde mir eine weitere Marokkanische Semantische Finesse des Transportwesens gewahr: Der Bus direct. Nach der Abfahrt in Ouezzane folgte der Bus den Wegweisern entlang der Hauptstrasse in Richtung Fez. Die Lehrerin, die neben mir sass, fragte mich, ob ich nicht einen bequemeren, klimatisierten Bus nehmen wollte, worauf ich erwiederte, ich hätte einfach den nächsten genommem, dies sei doch ein Bus direct? Ihre Antwort “Oui, il ne faut pas que vous changez.” interpretierte ich so, dass ich sehr bald in Fez sein würde. Nach gut einer Stunde Fahrt, es mochte Mitte Nachmittag gewesen sein, war einedreiviertelstündige Pause angesagt um etwas zu essen. Der Wirt der Raststätte feuerte den Holzkohlegrill an, hüllte alles in beissenden Rauch und brut Spiesse.
Nach ungefähr zehn Minuten Weiterfahrt auf gerader Strecke verlangsamte der Bus, bog links in einen besseren Feldweg ein und ich sah zu meiner Rechten den Wegweiser verschwinden, der für nach Fez die gerade Hauptstrasse empfahl. Entlang des Weges stiegen alle paar hundert Meter Leute ein und aus, zum Teil bei kleinen Dörfern, andere verliessen das Gefährt im Niemandsland und machten sich in die Hügel davon. Da wurde mir klar: Ein Bus direct fährt nicht die kürzeste Strecke, oder bringt die Route ohne Zwischenhalte hinter sich - der Komfort liegt darin verborgen, dass man nicht umsteigen muss.
In Fez liess ich mich in der Nähe des blauen Tores Bab Boudjeloud nieder. Am nächsten Tag gedachte ich, die Medina auf eigene Faust zu erkungen - hatten doch Tschabi und ich letztes Jahr einen Führer genommen und ich meinte, es diesmal ohne zu schaffen. Der Tourismusverein plazierte in der Medina Wegweiser, die verschiedene Spazierrouten vorsahen und die Navigation auf eigene Faust ermöglichen, ohne sich komplett zu verirren. Ich machte mich auf die Sohlen in Richtung Teinturiers, den Gerbereien am andern Ende der Medina.
Unterwegs hielt ich bei verschiedenen Medersas, Studentenwohnheimen der Koranschüler der verschiedenen Moscheen. Im Gegensatz zu den Moscheen dürfen die Medersas von Ungläubigen betreten werden, und es loht sich: zum Teil wurden die Medersas von den besten Handwerkern der Stadt reich verziert und die Anlage der Zimmer um einen Innenhof ist sehr pittoresk.
Die Touristenwgweiser führten mich nach der grossen Kairaouine-Moschee vorbei. Wie bei allen Gebäuden ist die Aussenseite unspektakulär, nur einige reich verzierte aber geschlossene Türen verraten etwas vom dahinterliegenden Reichtum. Die Moschee selber ist so mit den umliegenden Häusern verwachsen, dass man ihre Dimensionsn kaum erahnen kann.
Weiter führte der Spazierweg an der Place Es Seffarine vorbei in eine kleine Gasse. Einige Abzweigungen weiter, immer den Wegweisern folgend, führte der Spazierweg an der Place Es Seffarine vorbei in eine kleine Gasse. Einige Abzweigungen weiter, immer den Wegweisern folgend, führte der Spazierweg an der Place Es Seffarine vorbei in eine kleine Gasse. Mir reichte es für den Moment, ich verzichtete auf die dritte Runde und betrat die Medersa, gwundrig ob ich eingelassen oder vortgeschickt würde.
Ein Herr ohne Uniform, Schild oder gergleichen, der sich aber wie ein Gardien verhielt, knöpfte mir höflich 10 Dirham ab und liess mich eintreten. Sofort war ich von Studis umringt, die ihr Englisch ausprobieren wollte, und Slimane gab sich die grösste Mühe, mir eine Führung durch die Medersa zu machen. Er war im sechsten von zehn Koranstudienjahren und interessierte sich mehr für meine Handykamera als dafür, mir von der Dachterrasse aus die umliegenden Moscheen zu benennen. Aus seinem Kämmerlein holte er eine Fuji-Einwegkamera und es kam zum grossen Shooting auf der Dachterrasse.
Die Verabschiedung war herzlich und ich liess mich von einem Jungen aus der Möbiusschlaufe der Spazierroute zu den Gerbereien schleppen. Natürlich kannte er jemanden, der ein Geschäft avec une terrasse besass, von der man die Teintureiers überblicken konnte. Da Freitag, also arbeitsfrei war, war nicht viel los, nur zwei Arbeiter besorgten die nötigsten Schritte. Sie standen hüfthoch in den mit einer Taubenmistsausse und Farbe gefüllten Gerbbottichen und wendeten in der stinkgenden stickigen glühenden Luft die Tierhäute. Dem nachfolgenden Verkaufsgespräch mit dem Terrassenbesitzer entzog ich mich mit der Entschuldigung, ich käme ein ander Mal gerne vorbei - inshallah - aber jetzt hätte ich ein Rendez-vous einzuhalten. Es war rührend, dass er sich mit der Bemerkung “j’ai voulu prendre la chance” für seine Warenanpreisung fast entschuldigte.
Auf dem Rückweg in die obere Medina betrat ich die Bibliothek der Karaouine-Moschee und fragte zwei Studentinnen, ob ich die Lesesääle besichtigen könnte. Da die Schriften als heilig gelten, wurde ich jedoch freundlich aber bestimmt vor die Pforte gestellt. Weiter oben in der Medina passierte ich eine kleinere Moschee, deren Türe offen stand. Ich spähte in die über und über von Schnitzereien, Teppichen und Mosaiken verzierte Halle, als ein Halbstarker hervortrat und mich anschnauzte: Pas d’Photo! Ich zeigte ihm meine leeren Hände, er blickte finster drein und verscheuchte mich mit einer agressiven Handbewegung und einem giftigen “go, go.” Ich fühlte mich angefeindet und entfernte mich.
Am nächsten Morgen bestieg ich den Zug für die neunstündige Fahrt nach Marrakesh. Der Zug fährt von Fez zuerst nach Rabat, dann dem Atlantik entlang nach Casablanca um wieder ins Landesinnere Richtung Atlas zu ziehen. In Casa stiegen zwei junge Informatiker, Saad und Samir, ins Abteil. Wir kamen in ein lustiges Gespräch über alles und nichts und den Zweck der Reise. Sie würden oft für ein Wochenende nach Marrakesh reisen, da in Casa nicht viel los sei und sie in Marrakesh entweder im Resort ihrer Firma oder in der Wohnung eines verstorbenen Onkels wohnen könnten. In Marrakesh angekommen fragten sie micht, in welchem Hotel ich wohnen würde, und als ich meinte, ich müsste noch eines aussuchen, luden sie mich in ihre Wohnung ein. Sie trommelten noch ihre Bekannte Aida, eine Tourismusstudentin, und Marie, eine ihrer Internetbekanntschaften aus Belgien, zusammen.
Als Aida hörte, dass ich Salsa mochte, schlug sie vor, in ein neues kubanisches Lokal zu gehen. Nach einem langen Spaziergang erreichten wir das Trio Latino. Ich hätte nicht gedacht, dass in Marrakesh Salsa getanzt wird, und sehr populär ist es tatsächlich noch nicht, aber ein Paar in der Clubmitte machte mir einen professionellen Eindruck. Sie waren Tanzlehrer und versuchten, die Gäste in Schwung zu kriegen. Als ich die Dame, Amel, zum Tanzen holte, war sie überrascht und fragte unsicher, ob ich schon einmal Salsa getanzt hätte - ich meinte “un peu” und begann. Sie tanzte wie eine Göttin. Beim nächsten Stück war es sie, die mich holte - my pleasure.
Meinen Freunden brachte ich noch den Grundschritt bei, aber zum dile que no reichte es nicht mehr bevor das Lokal schloss. Aida, Marie, Saad, Samir und ich gingen noch in Aidas knallrot gestrichene Wohnung. Aida hatte ein Karaokeprogramm auf dem Computer, von dem alle begeistert waren (ich war zu müde zum Widerstand) und wir liessen den Morgen bei Gesangsversuchen dämmern bevor Saad Samir und ich in die Wohnung zurückkehrten.
Am nächsten Tag trafen wir uns zum Mittagessen in einem Unterhaltungsrestau der Marrekshensischen Mittelschicht. Verschiedene Musikgruppen spielten traditionelle Klänge und Clans und Sippschaften sassen um Riesentagines und gigantische Fladenbrote.
Saad und Samir nahmen später den Zug zurück nach Casa und ich holte den verpassten Schlaf nach. Den heutigen Tag verbrachte ich mit dolce far niente und lesen. Die Tageshitze ist lähmend, erst jetzt gegen Abend wird es inigermassen erträglich. Auf der Place Djenna El Fna vor mir werden die Grills geheizt und ich kriege langsam Hunger.
May 17th, 2006 at 10:39 pm
Le Sid!
Das tönt ja schon mal nicht schlecht, was Du da für Sachen machst. Die Anfeindungen gehören einfach dazu und die Transportmittel sind nun mal traumhaft
Marrakesh gefiel mir damals mit Abstand am besten und die Place El Fna ist mir nicht zuletzt wegen riesiger, billiger, frischgepresster Orangensäfte in bester Erinnerung. Unseren Guide durch die Souks schickten wir am Ende der “Tour des Cousins, Oncles et autres parents” und einigen heftigen Disputen mit ebendiesen, Stichwort “la porte est ouverte, mille fois ouverte” in einem 80cm x 4m grossen Gewürz- und Teeschuppen, der Verkäufer mit seiner Fülle den Ausgang versperrend, Bruce in der Hitze und nach den vorangehenden Vorfällen etwas echauffiert am hinteren Ende des Schuppens blockiert, ohne das erwartete Trinkgeld in die Wüste…
Hab ich den Monstersatz jetzt korrekt zu Ende gebracht??
Sollte eh schlafen gehen. Ist aber schön zu hören/lesen, dass es Dir gut geht!
Enjoy the ride & take good care of yourself - your encounter with Saad, Samir & Co. sounds fab!
Cheers
Le Bruce
May 18th, 2006 at 11:59 am
Ciao Samuel
En Güete!
Bin zum ersten und sicher nicht letzten Mal auf deiner “Selbstbeweihräucherungsseite”. Deine Reise und sonstigen Berichte find’ ich packend und amüsant. Bin gespannt auf mehr!
Liebe Grüess üs Bäru
Nathalie
May 18th, 2006 at 7:14 pm
@Bruce: Ich erinnere mich bestens an Deine Schilderung der Episode “La porte est ouverte, mille fois ouverte!” Ich selber habe die Marrakensischen Souks vermieden, habe dort das letzte Mal viel zu viel Geld verspielt. Solche Blokierszenen sollte es gemäss einem Marokkokenner, den ich im Hotel kennen lernte (ja, ich habe einen Kenner kennen gelernt) nicht mehr geben, da Touristenpolizei ein wachsames Auge hat. Vor einigen Jahren sei das jedoch tatsächlich an der Tagesordnung gewesen.
@Nathalie: I gibe mer Müe, meh ds töggele, ha schliesslech o fröid drann.
U wi immer isches e Fröjd, Walliserdütsch ds läse, o wes nume d Gruesszyle isch!
Am Aafang het d Sytte o no en angere Tittu gha, d Bezeichnug aus “Selbstbeweihräucherungswebsite” het der Thomas us Berlin spontan uselgah woni ihm se zeigt ha. Has unwiderstehlech gfunge.
June 14th, 2006 at 10:48 pm
[…] Hier aus Fez und Marrakesh und hier aus Essaouira […]
October 23rd, 2008 at 6:59 am
Es kommt eben immer darauf an, was man daraus macht - insbesondere in Marokko, oder? Jedenfalls kann man viele Fallen mitnehmen
Wer Studenten kurz vor Marrakesch oder Fez im Zug kennenlernt, die einem eine Unterkunft vermitteln wollen, sollte aufmerksam sein. Oft sind es Schlepper zu weniger schönen Hotels. Aber eben nicht immer.
October 23rd, 2008 at 7:19 am
@BossK: Völlig richtig. Bei den beiden hatte ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen und keine Bedenken. Und normalerweise kommen die marokkanischen Schlepper relativ zügig zur Sache und sagen gerade aus, dass sie ein Hotel vermitteln wollen. Und so lange sie einen nicht anrülpsen geht’s ja noch.