Die richtige Reise in Marokko - Teil III: Die Rache der Kolonialisierten und Essaouira
In Marrakesh nächtigte ich im Hotel, das gemäss Reiseführer das Schmuckstück der Billighotels ist und in der Tat: Das Hotel Medina ist ein Bijou. Die blitzsauberen hübschen Zimmer sind auf drei Stöcken um einen wunderschön dekorierten und bepflanzten Innenhof angeordnet, die sehr freundlichen Angestellten spielen am Abend auf der Dachterrasse Gitarre und singen, und das ganze findet sich 2 Minuten zu Fuss von der Place Djenna El Fna entfernt. Da das einzige Einzelzimmer besetzt war, gönnte ich mir den Luxus eines Doppelzimmers für mich alleine - für 10 Euro pro Nacht.
Zum ersten Mal kam dort auch das Traveller-Feeling in mir auf: Die Dachterrasse ist Treffpunkt der Hotelgäste, man trinkt Minzentee und tauscht sich über die Tageserfahrungen aus und wenn diese ausgeschöpf sind, beginnt man von andern Reisen zu erzählen und der gitarrespielende Hotelportier verschmilzt die ganze Szenerie zu einem arabischen Lied. Das Zentrum jedes Abens war der Franzose Stéphane: Er ist Musiker und Zauberer und arbeitet vorwiegend an mittelalterlichen Festen in ganz Europa, letzte Woche zeigte er seine Tricks auf der Place. Nachdem der Rummel vorbei war, kehrte er zurück ins Hotel und meinte, er hätte für heute genug gearbeitet, nahm eine Zigarette, stiess sie sich ins Auge, nahm sie zum Mund heraus, zog ein Feuerzeug aus dem Ohr seines Sitznachbarn, zündete die Zigi an und rauchte genüsslich ein Zug, da war die Zigi verschwunden. Wo auch immer er sie wieder hervor zog - sein Geschick war unglaublich. Und wie er an einem Abend einen Skeptiker mittels Kartentricks und einem Vortrag über die von den Zauberern angewandten psychologischen Methoden davon überzeugte, dass eben doch nicht alles erklärbar sei, war erste Sahne. (Ich sah ihm von schräg hinten in die Hände und konnte ob seiner Geschicklichkeit nur staunen: Er schaffte es immer, dem Ahnungslosen die vorbestimmte Karte in die Hände zu schieben und ihn im Glauben zu lassen, er würde jetzt eine zufällig und selbst gewählte anschauen. Das war für mich die wahre Magie, die wahre Kunst.)
Ich rechnete jedoch nicht damit, dass ich in den nächsten anderthalb Tagen die Deckenmalereien des Hotels so genau studieren konnte: nach einem Abendessen in einem Restau auf der Place nahmen sich die Geister der Untertanen der Kolonialmächte meiner Innereien an und schüttelten alles ordentlich durcheinander; dazu zogen sie meinen Kopf gleichzeitig in alle Richtungen und wenige Dekaminuten später wünschte ich dem Couscous alles Gute. Nachdem ich anderthalb Tage vor mich hindümpelte, raffte ich mich gestern zum Wäsche waschen auf und besorgte ein Busticket nach Essaouira für heute.
Nach einer dreieinhalbstündigen Fahrt neben Jean-Pierre, einem Nachkommen von Schweizer, die Anfangs letztes Jahrhundert in eine Schweizerkolonie in Algerien ausgewandert waren, sitze ich nun hier. Essaouira nennt sich Wind City Africa, und es zieht tatsächlich wie Sau. Die Windsurfer vor dem Strand freut es, doch für mich ist es nach den 40° von Marrakesh überrschend frisch. Ursprünglich hätte ich hier einen Kitekurs nehmen wollen, doch es kostet mehr als in Tarifa und ich vermute wohl richtig, dass, sollte etwas passieren, ich in Spanien besser versorgt wäre. Zudem kann ich keine andern Surfer oder Traveller finden, alles scheint voller mittelalterlicher Pauschaltouristen zu sein. Auch in der Surfschule meinte der Clerk, ich hätte den Lehrer für mich alleine. Hm, angesichts dessen und wenn ich die vielen Mails aus der CH lese und an die vielen Proschts denke, die für die Fürspiprüfung fällig sind, beginne ich, mich ein wenig einsam zu fühlen.
May 21st, 2006 at 12:25 am
Hallo Sam, was ein Kitekurs weiss ich tatsächlich nicht, aber trotzdem habe ich mich, wie ich in Marrakesh und Essaouira war, nicht als mittelalterliche Pauschaltouristin gefühlt!! Na ja ist alles Ansichtsache, oder soll ich besser sagen, Gefühlsache?
May 22nd, 2006 at 10:18 am
@Ramona: Ich habe natürlich niemand persönlich gemeint, aber mir kam Essaouira ziemlich anders vor als es mir geschildert wurde. Was ich hörte, war, dass es das Surferparadies sei . Da stellte ich mir vor, dass es von jungen Rucksacktouristen wimmeln würde, die auf den Terrassen der Billigunterkünfte oder in Strandcafés vor sich hin dösten und auf dem Wind warteten. Als ich ankam, windete es zwar ordentlich und in der Bucht waren einige Segel zu sehen, aber von Jungen Reisenden keine Spur, sondern vorwiegend ältere Gäste des Hyatt und anderer Hotelketten, sowie Busladungen voller Tagestouristen. Deshalb mein Pejorativ “mittelalterlicher Pauschaltouristen”. Ich weiss natürlich, dass Du Individuell zur Hochzeit Deiner Nichte nach Maorkko reistest.
May 22nd, 2006 at 6:08 pm
Oh Oh Sam, ich hatte gedacht, dass Du mich besser kennst und sofort merkst, dass ich Dich auf die Schippe nehme! Besser gesagt, dass Du meinen speziellen Humor kennst. Ich hätte wohl dieses spezielle Zeichen, dass ich inzwischen verstanden habe, anbringen müssen ;-). Ich habe das tatsächlich mit einem zwinkernden Auge geschrieben. Also bitte Sam, nicht eingeschnappt sein. Du weisst, ich zähle mich doch noch zu den mittelalterlichen Teenis.
Machs weiterhin gut!
May 26th, 2006 at 5:40 pm
@Ramona: Oh, jetzt hast Du das Bild in meinem Kopf zerstört: Du in der Bucht von Essaouira auf einem Surfbrett, den Wellen trotzend und mit dem Wind spielend, unter den neidischen Augen der gestählten Surferjungs am Strand, denen die Mäuler offen stehen…
November 14th, 2007 at 12:09 pm
Hallo Samuel,
ich habe diese Seite gerade entdeckt, weil ich auf der Suche nach einem Hotel in Marrakesh bin - leider kann ich das vor Dir empfohlene Hotel Medina nicht finden. Kannst Du hierzu vielleicht noch nähere Angaben machen?
Oder kann mir sonst jemand weiterhelfen?
Vielen Dank,
Burkhardt
November 29th, 2007 at 7:07 pm
Hallo Burkhardt!
Danke für Deinen Eintrag in das Forum meiner Website!
Ich musste gerade feststellen, dass die Bilder nicht richtig laden, werde das korrigieren. Das Hotel Medina ist bei der Djena El Fna, leider habe ich online keine bruachbare Karte des Platzes gefunden, auf der ich das Hotel einzeichnen könnte. Ich suche zu Hause meinen Reiseführer und kopiere Dir den Situationsplan raus.
Schöner Gruss
Samuel
November 29th, 2007 at 7:29 pm
Das Hotel Al Medina ist z.B. auf dieser Seite angegeben:
http://members.virtualtourist.com/m/5beaa/20372e/3/
Wie man dahin kommt:
“go to the J’ma ElFna main square and ask for this street Riad Ztoune Lakdime”