Die richtige Reise in Marokko - Teil IV: Die nette Familie
Hier in Essaouira ist am Abend nicht viel los, die Männer sitzen im Café, die Frauen vermutlich zu Hause. Drum tue ich, was die Jungen in Marokko am Abend tun: Sich im Internet die Zeit um die Ohren schlagen. Nicht dass ich das zu Hause nicht auch tun würde, aber hier ist es, so habe ich den Eindruck, das einzige Freizeitvergnügen, dass geschlechterübergreifend praktiziert wird und der Öffentlichkeit zugänglich ist.
Als ich heute Nachmittag mit dem Bus ankam, sprach mich ein Junger Mann an, ob ich ein Zimmer suchen würde. Ich hatte in meinem Lieblingshotel in Marrakesh mit den unvergesslichen Deckenmalereien die Adresse einer Französin erhalten, die saubere Zimmer billig vermieten würde, aber heute erklärte sie sich telefonisch für ausgebucht; so ging ich mit ihm.
Das Haus seiner Familie, in das er mich führte, ist in der Medina in einer versteckten Nebengasse. Als Orientierungshilfe dient mir ein Hotel ein paar Eingänge weiter, das in der Stadt mehrere Male angeschrieben ist. Das Haus ist typisch um einen offenen Innenhof aufgebaut, mein Gästezimmer liegt im obersten Stock und ausser mir ist noch ein spanisches Paar zu gast. Der Empfang in der Familie war herzlich: Als der Junge und ich in den Innenhof kamen, stellte er mich dem “Chef de la maison” des Hauses vor, dem Grossvater, der wassermelonenschmatzend auf der Couch lag. Dieser deutete mit einer hastigen Handbewegung, ich solle mich neben ihn setzen, und mit einer zweiten, ich solle mich an den Melonen auf dem Tischchen vor ihm gütlich tun.
Ich setzte mich und betrachtete den Innenhof. Zu meiner Linken lag der Grossvater mampfend, ab und zu schien ihm ein Stück Melone aufzustossen. Zu meiner rechten sass der Junge und notierte die Einzelheiten meines Passes in ein schmuddeliges Notitzheft. Vor mir stand das kleine Tischchen, dessen noch nettes Tischtuch mit einem ältlich wirkenden, fleckigen matten Plastiküberzug bedeckt war, der in seinen frühen Zeiten wohl ein Muster aufgewiesen hatte. Weiter vorne, vor einem weiteren Tisch unter fettig aussehendem Plastik, sass die feste Mutter des Jungen und schaute fern: Der König hielt eine von einem Liveorchester begleitete Ansprache. Obschon der Anlsass offensichtlich drinnen statt fand und der König anwesend war, trug der Oudspieler des Orchesters eine Sonnenbrille und lächtelte wann immer möglich selbstgefällig in die Kamera. Le Chef de la maison deutete mit der hastigen Handbewegung auf den Fernseher und sagte mutz: “Le Roi”, gefolgt von einem unterdrückten aufstossenden Stück Wassermelone.
Der junge gab mir meinen Pass zurück, ich bedankte mich. Die Mutter schaute angestrengt dem König zu, plötzlich schienen sich ihre Züge zu entspannen und sie rülpste lautstark in den Innenhof hinaus. Niemand schien sich darum zu kümmern, ich aber fühlte mich, eingezwängt zwischen Plastik, Chef und schmuddeligem Notitzblock, ein wenig geniert als Grossvater zu meiner Rechten seinem Stück Wassermelone mit demselben Geräusch Luft verschaffte. Ich war angewiedert und beschloss, den Nachmittag draussen zu verbringen. Als ich mich aufmachen wollte, betrat aus einer Türe zu Füssen des Grossvaters der Jüngste den Innenhof, ungefähr sechzehnjährig, dicker noch als seine Mutter wackelte er hinen und, als hätte er auf seinen gloriosen Auftritt gewartet, liess er eine Rülpsfanfare in die Manege erschallen.
Mir wurde übel und ich habe beschlossen, morgen früh zu fahren, obschon ich zwei Nächte bezahlt habe. Ich vertrieb den Nachmittag damit die Preise für Kitekurse zu erfahren (teurer als in Tarifa) und ein Busbillet nach Casablanca zu organisieren. Unterdessen ist es recht spät hier und ich hoffe, alle seien zu Bett gegangen. Ich gehe jetzt auf mein Zimmer und es wäre schön, wenn die liebe Familie nicht schnarchen würde.
P.S. Ich ass gerade Spaghetti al Pesto und sie stossen mir ein wenig auf, ähnlich wie Wassermelone. Ich werde in die Wohnung kommen, und der Innenhof wird mir gehören, mir ganz allein…